Knapp 670 km später

Ick loof, weil's mi gfreit_Cover
Das Buch zur Wanderung ist fertig. Mehr unter Bücher.

Liebe Leser:innen,

es ist geschafft! Nach 670,84 km und 26 Tagesetappen bin ich in München angekommen!

Diese fixe Idee von mir, von Berlin nach München zu laufen statt in einem Metallgefährt 4-5 Stunden eingepfercht durchs Land zu brausen und am Zielort ausgespuckt zu werden, ist Realität geworden. Wie Hape Kerkeling war ich „einfach mal weg“ und es war fantastisch, wenn auch streckenweise sehr anstrengend. Ein paar neue Ecken in Deutschland habe ich dabei auch noch kennenlernen dürfen!

Aber von vorne:


Für alle, die den Beitrag vor der Reise nicht gelesen haben, noch einmal die Kurzfassung:

Wer hatte nicht schon einmal den Gedanken, wie es wäre nach einer Tageswanderung nicht zurückzufahren, sondern am nächsten Tag einfach weiterzugehen! Bei mir hatte sich diese Idee so in meinem Hirn unterbewusst verselbstständigt, dass unweigerlich irgendwann der Punkt kommen musste, an dem ich es probieren musste. Das war im Sommer 2020 der Fall. Der erste Lockdown zerrte sehr am Nervenkostüm und dass viele drinnen sein nervte extrem. Als sich dann auch noch ein Umzug von Berlin nach München ankündigte, war der Gedanke, diese Strecke zu laufen, nicht wieder einzufangen. Und so überlegte ich, wie sich der Wunsch umsetzen ließ und fing an zu planen.

Vorbereitung & Planung


Ich fand keine durchgehend beschriebene Route (so wie die Jakobs- oder Europawege) von Berlin nach München und erstellte mir daher kurzerhand meine Eigene. Orientiert an der alten Reichsstraße (Via Imperii), dem Main-Donau-Weg, dem östlichen Albsteig, Jurasteig und dem bayerischen Jakobsweg sollte meine Grobroute verlaufen. Wo mir zu viel Weganteil auf Straßen verlief und wo ich keine Unterkunftsmöglichkeit finden konnte, ging ich dann eben auf irgendwelchen unmarkierten Wegen. Am Ende ergab sich die Strecke von 670 km, die ich auf 26 Tagesetappen verteilte. Teilweise ließen sich aber Abschnitte mit über 30 km Weglänge nicht verhindern.

Hier seht Ihr die Route, die ich tatsächlich gelaufen bin:

Download Gesamtroute

Sie weicht im Detail dann doch an einigen Stellen von dem ab, was ich mir zuerst zurecht gelegt hatte. Das liegt zum einen daran, dass ich in manchen Orten keine Übernachtungsmöglichkeit gefunden hatte und in einen nahe gelegenen Ort ausweichen musste. Andererseits habe ich teilweise erst vor Ort festgestellt, dass einige Weg nicht besonders schön sind (vor allem, weil sie an größeren Straßen entlang führten) und bin daher lieber dort gelaufen, wo es schöner war; auch wenn es dadurch vielleicht länger gedauert hat.

Zusätzlich plante ich noch 2 Ruhetage ein und war dann fast einen Monat zwischen den beiden Großstädten unterwegs. Übernachtet habe ich großteils in Pensionen. Auf einem Abschnitt in der Oberpfalz, auf dem mich ein Freund für 4 Tage begleitete, hatten wir zur Abwechslung das Zelt dabei. Ich empfand es aber in Deutschland – im Gegensatz zu Skandinavien (Jedermannsrecht) – als nicht so entspannt mit dem Zelt zu reisen. Das zusätzliche Gewicht sollte man auch nicht unterschätzen. Wegen Corona und den Beherbergungsauflagen mussten die Unterkünfte zwar vorab organisiert werden. Dennoch waren die unterschiedlichen Corona-Vorgaben in den Bundesländern immer mein Begleiter. Immerhin hatte ich so den Vorteil, abends entspannt ankommen zu können und tagsüber keine Übernachtung organisieren zu müssen. Pilgerunterkünfte gibt es auf der Route nämlich keine.

Start in das Abenteuer


Nach all der Planung war es dann irgendwann soweit. Mit dem Bummelzug über Berlin-Wannsee bin ich in Beelitz gestartet (das Stück dorthin bin ich schon einmal früher gelaufen). Wenige Menschen unterwegs, flirrende Hitze (über 30 Grad), viele trockene Äcker und nach Wasser dürstende Wälder. Der Sandboden in Brandenburg erschwert das Laufen ein wenig, aber insgesamt kommt man gut rein.

Die ersten Tage hatte ich zum Glück noch vergleichsweise wenige Kilometer (~20 km) geplant. Das macht es aber nicht weniger anstrengend! Wenn Ihr, wie ich, wenig erfahren in Sachen Fernwandern seid, kann es schon sein, dass man am Anfang abends komplett platt ist. Aber das ändert sich zum Glück mit der Zeit. 

Man kommt langsam rein und fängt auch an, einen Art Alltagsrhythmus zu entwickeln: Aufstehen, Essen, Rucksack und Proviant packen, Laufen, Pausen, Laufen, Ankommen, Essen, Schlafen. Und das Ganze draußen in der Natur, wo man unbeschwert seinen Gedanken nachhängen kann und sich frei fühlt. Also ein perfekter Tag sozusagen.

Nachdem anfangs noch riesige Acker- und Waldflächen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt dominierten, führte mein Weg durch die Dübener Heide vorbei an teilweise komplett verfallenen Dörfern in Richtung Leipzig. Dort ist dafür das krasse Gegenprogramm geboten: Viele junge Menschen, eine schöne und pulsierende Innenstadt und ein großes Kulturprogramm. Das war ideal für meinen ersten Ruhetag und ich kann einen Stopp in Leipzig jedem nur ans Herz legen!

Weiter in Richtung Mittelgebirge und Vogtland


Südlich von Leipzig führt die frühere Kaiserstraße dann durch die ehemalige Mondlandschaft der Braunkohletagebaue; jetzt ein glitzerndes Seenparadies. Das alleine wäre schon einen Ausflug wert. Zwischen Seen, Feldern und kleinen Waldabschnitten geht es vorbei an der „Ziegenhochburg“ Altenburg in Richtung Zwickau und in die Mittelgebirge.

War vorher alles noch flach, gibt es jetzt die ersten An- und Abstiege und eine abwechslungsreichere Landschaft. Hier in diesem hügeligen Abschnitt vorbei an den ehemaligen Textilhochburgen Reichenbach und Plauen erwarten den Wanderer eine in Teilen noch intakte Naturlandschaft und teilweise stärkere Anstiege als zunächst gedacht. Aber auch imposante Bauwerke, von den beiden größten Ziegelbrücken der Welt bis zu Talsperren und in die Hänge gebaute Städte, die von einer prosperierenden Vergangenheit erzählen.

Die Wege werden kleiner und zum Teil auch Trampelpfade und ehe man sich versieht, überschreitet man die damalige deutsch-deutsche Grenze und landet in ehemaligen Zonenrandgebiet in Bayern. Die Landschaft ist dieselbe, doch die Leute sprechen hier ganz anders und scheinen auch andere kulinarische Vorlieben zu haben; 40 Jahre Trennung hinterlassen eben unweigerlich Spuren.

Grünes Band mit Kolonnenweg
Kolonnenweg am grünen Band

Nach dem Grenzübertritt folgt das Fichtelgebirge und die Oberpfalz


Für alle Bergfreunde wird es südlich von Hof interessanter. Hier gilt es, das Fichtelgebirge (höchste Erhebung 1050 m ü. NN) zu queren und ich fand es sehr schön. Viel grün, überall plätschern kleine Bäche und vor allem: So gut wie keiner unterwegs. Im Gegensatz zu anderen Bergregionen ist das Fichtelgebirge nicht so wirklich gut an Autobahn / Bahn angeschlossen und das merkt man! Hier kann es zwar auch mal sehr nass werden, das trübt den Spaß aber überhaupt nicht. Für mich ist dieser Abschnitt auf jeden Fall einer meiner Touren-Highlights.

Über verträumte Ortschaften, unzählige Waldgebiete und kleine Bäche erreicht man die Oberpfälzer Zentren Weiden und Amberg, die auf jeden Fall auch einen Abstecher wert sind. In dieser sehr wasserreichen Region haben die Flüsse regelrecht Schneisen in die Landschaft gefräst. Es ist fast wie in einem Canyon.

Hinter Amberg orientiert sich meine Route am Jurasteig und es geht immer wieder 100 Meter hoch und im nächsten Tal wieder runter. Fans des Mosel- oder Rheinsteigs kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten. Mich hat es nach mehr als 2 Wochen durchgehenden Laufens am Ende dann aber doch sehr geschlaucht. Gesundheitliche Probleme habe ich zum Glück keine bekommen, aber auf diesem Abschnitt lief ich mir meine erste und einzige Blase. So kam mein zweiter Ruhetag in Regensburg genau richtig. Und auch diese Stadt kann ich wärmstens für einen Besuch empfehlen! Die historische Altstadt, die noch sehr gut erhalten ist, lädt mit ihren kleinen Gässchen zum Erkunden ein und die Donau ist natürlich eine Wonne.

Steinerne Brücke in Regensburg
Steinerne Brücke in Regensburg

Durch die Hopfenfelder zum finalen Ziel


Die letzten 150 Kilometer verlaufen in großen Teilen entlang des bayerischen Jakobswegs. Zunächst entlang der Donau am berühmten Donaudurchbruch und dem Kloster Weltenburg vorbei, das dort in einer Hufeisen-Flussschleife thront, führt der Weg bald in die stark wirtschaftlich geprägte Region um Ingolstadt. Bierfreunde können aber auch hier Schönes entdecken: Eine der größten Hopfenanbauregionen der Welt und alles was zu dieser besonderen Rankpflanze dazu gehört.

An zahllosen Hopfen-Feldern inklusive ihrer Überbauten, Getreidefeldern und dem kleinen Fluss Ilm laufe ich nach Pfaffenhofen. Leider gibt es hier auch sehr viele Straßen; wirklich sehr viele! Das bringt keine wirkliche Wanderfreude, aber nach Reichertshausen gab es zum Glück wieder mehr Ausweichrouten und so gelangte ich über Felder und ein Stück an der Amper bis nach Dachau. Die Alpen sind hier schon am Horizont erkennbar und München in einem letzten Tagesmarsch entlang des kleinen Würm-Flüsschens nach einem Monat Wanderung erreicht.

Tourabschluss und Buch „Ick loof, weil’s mi gfreit!“


Die Weitwanderung war für mich eine Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte. Ich empfand das Wandern, Draußen sein und Entdecken als sehr schön, streckenweise auch sehr herausfordernd. Dazu kam das Glück den Großteil der Zeit schönes Wetter zu haben und rechtzeitig vor der zweiten Corona-Welle anzukommen. Dafür sind meine Schuhe jetzt durchgelaufen und müssen ersetzt werden.

Und auch die Fußsohlen waren dann doch ganz froh ein wenig Auszeit zu haben. Ich hätte im Vorhinein nicht gedacht, dass das tägliche Gehen mit einem relativ leichten Rucksack auf Dauer dann doch sehr stark auf die Füße einwirkt. Am Ende merkt man es schon in den Zehen und den Fußsohlen und ist froh um einen Ruhetag und eine entspannende Fußmassage.

Eine solch lange Zeit in der Natur unterwegs zu sein, prägt unweigerlich und man empfindet das Drinnensein und vor allem Sitzen als vollkommen unnatürlich. Die einzelnen Regionen unterscheiden sich doch stärker, als ich zunächst vermutet hätte, aber bis auf einzelne Ausnahmen waren die Menschen sehr freundlich und aufgeschlossen und haben mir auch interessante Geschichten zu ihrem Ort erzählt. Einziges Problem: Den inneren Drang, wieder länger unterwegs zu sein, wird man nach so einer Tour und den Erfahrungen dann auch nicht mehr los: Die nächste Wanderung ist schon im Kopf! Aber das ist kein wirkliches Problem :).

Weil mich diese Wanderung so gepackt hat und ich auch keine Beschreibung für diese Strecke gefunden habe, habe ich das Buch mit dem Titel „Ick loof, weil’s mi gfreit!“ geschrieben. Basierend auf meiner Erfahrung sind in dem Buch auch ein paar Tipps zur Ausrüstung vorangestellt. Der Rest des Buches ist entsprechend der gewanderten Tagesetappen aufgebaut, wobei es zu jedem der 26 Wandertage nicht nur ein Bericht bzw. eine Wegbeschreibung gibt, sondern auch eine farbige Karte sowie Infos zur An- und Abreise und Übernachtung. Reisebericht und Wanderführer in Einem sozusagen. Weitere Infos zum Buch gibt es unter Bücher und hier eine kleine Leseprobe.

Zu kaufen gibt es das Buch hier:


Mit dem Buch und dem Aufbau nach Tagesetappen kann jeder, der möchte, einzelne Abschnitte nachlaufen und sich seine eigene Meinung zu den Regionen bilden. So viel vorweg, am Schönsten fand ich es dort, wo am Wenigsten Infrastruktur und Tourismus vorhanden sind, also im mittleren Teil der Route im ehemaligen Zonenrandgebiet bzw. vom Vogtland übers Fichtelgebirge bis zur Naab. Als „Trainingsstrecke“ kann ich die Route Wannsee – Beelitz jedem sehr empfehlen. Sie ist zwar nicht Teil des Buches, aber auf dem flachen Terrain lässt sich die Ausrüstung super testen und wenn etwas damit nicht stimmen sollte, hat man auf dieser Strecke dank zweier ÖPNV-Stationen auf dem Weg die Möglichkeit, früher auszusteigen.

Ich freue mich, wenn Ihr mir Eure Eindrücke der Wanderung mitteilt und bin mir sicher, dass Ihr am Ende der Tour auch sagt: „Ick loof, weil’s mi gfreit!“

In diesem Sinne: Die Wanderung von Berlin nach München ist zu Ende, viele neue Eindrücke sind da und inzwischen in meinem neuen Buch verarbeitet. Dort finden sich auch alle Einzeletappen und Tipps zur Vorbereitung auf eine solch lange Wanderung. Einen Überblick über die Abschnitte könnt Ihr Euch in der Karte verschaffen und als Anregung für eigene Ausflüge nehmen.