Draisinenfahrt im Fläming – Waldbaden einmal anders

Draisinenfahrt im Brandenburger Fläming? Bisher waren hier ja vor allem Wanderungen präsent und jetzt kommt auf einmal eine Tour mit Hilfsmittel, wenn auch einem etwas Ungewöhnlichem. Ich habe länger überlegt, ob ich diesen schönen Ausflug hier teilen soll, aber ich fand es zu besonders und auch erholsam, um es hier nicht vorzustellen. Auf einem meiner letzten Trips in die ehemalige Heimat wollte ich der alten Zeiten wegen wieder in den Brandenburger Wäldern waldbaden. Damit hat schließlich alles mit diesem Blog stattgefunden und rausgekommen ist dieser Ausflug: Waldbaden einmal anders sozusagen 😉

Inhalt

Genauer gesagt geht es auf der heutigen Tour auf die längste Draisinen-Strecke Deutschlands, die in Zossen unweit von Berlin startet. Der Großteil der knapp 25 km für die Draisine reservierten Bahnstrecke führt durch den Wald und weil das Gefährt nicht allzu schwer ist, kann man es auch jederzeit aus den Schienen heben und ganz klassisch zu Fuß waldbaden – oder man radelt die ganze Zeit entstpannt durch den Wald.

Den Draisinenverleih und die Streckensicherung betreibt eine extra dafür gegründete Firma (für mehr Infos: Erlebnisbahn). Die Strecke ist Teil der ehemaligen preußischen Militär-Eisenbahn, die von Berlin über Zossen nach Jüterbog führte und mehrere Kasernen und Übungsplätze miteinander verbunden hat. Der Teil zwischen Marienfelde und Zossen befindet sich gerade im Wiederaufbau als Teil der Dresdner Bahn und erlangte vor über 100 Jahren Bekanntheit, da hier eine elektrische Lokomotive von Siemens und AEG einen Weltrekord mit über 200 km/h Geschwindigkeit aufstellte, damals ein Meilenstein für E-Loks.

Mit dem Krieg und der Teilung Berlins veränderte sich viel und nach der Wende wurde dann der Verkehr auf der Strecke zwischen Jüterbog und Zossen nach und nach eingestellt. Seit über 15 Jahren kann man auf diesem Abschnitt nun mit der Fahrraddraisine fahren und etwas durch die Bahn-Geschichte radeln. Gleichzeitig hat man dabei neben der sportlichen Betätigung auch ein super schönes Naturerlebnis. Gute Laune und Spaß macht es dazu auch noch, wenn das mal nicht Grund genug ist, es auszuprobieren…

Routenüberblick

Das schöne an einer Eisenbahnroute ist: Man kann sich nicht verfahren, es geht immer geradeaus! Deswegen auch nur ein paar Infos zum generellen Ablauf. Die Strecke ist insgesamt 25 km lang, d.h. wer – wie ich bis zum Ende radelt – ist mit knapp 50 km dabei. Man kann aber jederzeit auch aussteigen, dort bleiben oder umdrehen. Allein fürs Radeln der gesamten Streckelänge hin und zurück sollte man gut 5 Stunden einplanen. Die Fahrräder sind nicht wirklich gut, aber es ist ja auch nicht das Ziel möglichst schnell irgendwohin zu kommen.

Wer die Landschaft noch genießen will oder (wald-)baden gehen möchte, sollte am Besten den ganzen Tag einplanen. Start in Zossen ist immer vormittags, damit alle Fahrer gleichzeitig in dieselbe Richtung abfahren und dann nachmittags aus derselben Richtung zurückkommen. Die Strecke ist einspurig und es gibt keine Ausweichmöglichkeit, außer das Fahrrad aus den Schienen zu heben und dann wieder einzusetzen, insofern macht es Sinn, dass alle zur selben Zeit losfahren.

Zum Startpunkt Zossen kommt man mit der Regionalbahn vom Berliner Zentrum mindestens einmal stündlich. Der Start der Draisinenstrecke befindet sich am gleichen Bahnhof auf Gleis 1 sozusagen. So hier noch einmal die Kurzübersicht und die Karte

Draisinenfahrt bei Zossen (Download Route)

Routen-EndpunkteZossen
Routen ÖPNV-AnschlussRegionalbahn
Routenlänge25,66 km
Routendauer5 - 5,5 Stunden

und hier seht Ihr die Bahnstrecke durch den Fläming laufen

Bitte zurückbleiben. Nächster Halt Rehagen

Nach erfolgter Anmeldung und Einweisung bekommt man sein Gefährt für den Tag gestellt und ein winziges Fahrradschloss, so dass man die Draisine auch „abstellen“ kann. Für größere Gruppen gibt es auch Hebeldraisinen, die dann aber man dann aber nicht mal so eben aus den Gleisen heben kann.

Eine Fahrraddraisine für zwei Personen mit Staufläche und Getränkehalter
Unser Gefährt für das ganze Unterfangen.

Frisch ausgestattet geht es am Gleis 1 direkt neben den Hauptgleisen der DB los. Zunächst mehr oder weniger im losen Pulk fahren alle hintereinander auf der einspurigen Strecke gen Jütgerbog. Wegen der Regelung mit der Fahrtrichtung und Uhrzeit ist hier natürlich recht „viel“ los, wenn man das von einer stillgelegten Strecke überhaupt sagen kann.

Neben einem kleinen Kanal führt die Strecke in einer sanften Rechtskurve über Wiesen nach Mellensee. Vor dem Bahnhof gilt es die erste Straße zu kreuzen, d.h. absteigen, Schranke selbst bedienen und wieder aufsteigen.

Auf der Draisinenstrecke gibt es Schranken für die Bahnstrecke; nicht für die Autos
Schranken einmal anders herum und mit Handbetrieb

Die Weichen sind leider gesperrt, sonst würde es noch komplizierter :). Mellensee ist dann auch für die meisten schon der größere Zwischenstop oder sogar Endstation. Hier gibt es einen Biergarten, eine Minigolfanlage und natürlich den See, der bei gutem Wetter zum Baden einlädt. Für uns stand aber ja nicht das Baden im Wasser im Vordergrund, sondern das Radeln durch den Wald und Waldbaden.

Hinter Mellensee ist es deutlich ruhiger auf der Strecke und die Gleise führen durch ein kleines Waldstück weiter zur nächsten kleinen Ortschaft Rehagen. Hier erwartet einen ein sehr schönes altes Bahnhofsgebäude im Klinkerbaustil. Generell entdeckt man entlang dieser doch recht kurzen und nach heutigen Maßstäben unbedeutenden Bahnverbindung sehr schöne Bahnhöfe. Die Bahn hatte damals offensichtlich noch einen höheren Stellenwert und diese wahrscheinlich für das preußische Heer umso mehr. Der Bahnhof Rehagen wurde mittlerweilse umgewidmet und dient jetzt als Hotel, nebst Zimmern in einem ehemaligen Schlafwagen.

Der ehemalige Bahnhof Rehagen ist mittlerweile als Hotel umfunktioniert
Der ehemalige Bahnhof Rehagen ist mittlerweile als Hotel umfunktioniert
Ein ausrangierter Schlafwagen am Bahnhof Rehagen dient jetzt als Touristenhotel
Mit kontinuierlicher Verringerung der Nachtzüge haben Schlafwagen Seltenheitswert und sind jetzt als besonderes Hotelerlebnis buchbar

Schon merkwürdig denke ich mir, dass die Nachtzugverbindungen in Europa aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen kontinuierlich ausgedünnt werden, aber Schlafwagen als Hotel an einem festen Platz scheinbar funktionieren.

Mit Volldampf über Sperenberg in den Wald

Nach ca. 7 km Radeln auf der Draisine haben wir den Dreh nun raus. Die Fahrradreifen übertragen ihre Kraft über eine Umlenkrolle aus Plastik auf die Schiene, d.h. wenn man zu schnell in die Pedale tritt, dreht das Ganze durch und man hat die Pedale schmerzhaft in der Kniekehle. Zudem haben die Fahrräder auch nicht die beste Übersetzung, so dass man ein wenig rumprobieren muss, bis die optimale Tretkraft & -geschwindigkeit gefunden ist.

So geht es nun in gemütlichem Tempo hinter dem Bahnhof Rehagen über Wiesen zum nächsten Dorf, diesmal Sperenberg. Nachdem die zwei Straßen gequert sind, schwenkt die Strecke in einer Linkskurve nach Süden ab in den Wald.

Kurz hinter Sperenberg am Waldanfang gibt es noch einen kleinen Abzweig mit Weichen, der in Richtung Neuendorfer See führt. Badewütige können hier ihre Draisine auf das abzweigende Gleis setzen und direkt bis ans See-Ufer radeln. Für alle anderen öffnet sich hier der endlos wirkende Waldabschnitt (tatsächlich sind es nur knapp 3 km). Eine menschenleere Umgebung mit Schienen, die ins Nichts führen: Gefühlt wie im wilden Westen der USA! Ist aber nur Brandenburg :).

Die ins Nichts verlaufenen Schienenstränge geben einem das Gefühl man wäre im mittleren Westen der USA und nicht 20 km außerhalb Deutschlands größter Stadt
Endlose Schienenstränge: Es wirkt wie im mittleren Westen

Ab hier ist es richtig leer und so gut wie niemand anderes mit der Draisine unterwegs. Autos oder sonstiges ist weit und breit auch nicht zu sehen und vor allem nicht zu hören. Also genau das, was ich gesucht habe. Mit unserem Gefährt geht es also hinein in diesen Ruheort. Die Draisine macht ja zum Glück außer einem leisen Schleifen auch keinen Lärm, so dass niemand durch die eigene Anwesenheit gestört wird. Sobald ein schönes Plätzchen gefunden ist, heißt es, Draisine aus den Gleisen heben, absperren und ein Päuschen einlegen. Wer möchte kann sich dann auch noch auf einen ausgedehnteren Waldspaziergang begeben. Gerade im Sommer ist der Waldgeruch, der in Brandenburg leider großteils sehr trockenen und harzenden Bäume, sehr ausgeprägt. Etwas abseits der Gleise bekommt man dann auch gar nichts mehr von der Strecke mit, so dass einem intensiven Waldbad nichts im Weg steht. Kilometerweit ist kein menschliches Geräusch zu hören, was in Deutschland schon Seltenheitswert hat.

Durch den Wald entspannt bis zur Endhaltestelle und einem kleinen Café

Frisch gestärkt nach einem ausführlichen Waldbad und einer kleinen Pause auf der eigenen Bank auf der Draisine kann es nun weiter mit dem Radausflug gehen. Wer möchte kann natürlich von hier zurück zu einem der beiden Seen radeln und dort den Rest des Ausflugs im Wasser verbringen. Uns hatte diese Stille allerdings angefixt und wir hatten kein gesteigertes Interesse nach Trubel, sondern vielmehr wollten wir diese „Abgeschiedenheit“ noch ein wenig weiter auskosten. Und natürlich wissen, was am Ende der Strecke wartet…

Die Königlich Preußische Militär-Eisenbahn von Zossen nach Jüterbog führt kilometerweit durch Wald, der nicht besucht wird und ideal zum Waldbaden ist
Waldbaden einmal anders. Fahrrad aus den Schienen heben und schon kann man in menschenleerer Waldumgebung entspannen

Also ging es mit dem Drahtesel wieder auf die Strecke und weiter in Richtung Süden. Im Wald öffnet sich eine kleine Schneise in der das kleine Gut Kummersdorf liegt. Das Gut selbst diente als ehemalige Militäranlage beziehungsweise Truppenübungsplatz. Auch hier wartet ein überaus schönes Bahnhofsgebäude, das allerdings im Gegensatz zu den anderen aktuell nicht genutzt wird. Bei meinem Besucht wirkten immerhin die Fenster neu, also vielleicht passiert da noch etwas in der Zukunft.

Blick von der Draisinenbahn Zossen auf den verlassenen Backsteinbahnhof Kummersdorf
Der schöne Klinkerbahnhof Kummersdorf steht leider leer

Waren die bisherigen Stationen meist 4-5 km auseinander folgt jetzt schon nach knapp 3 km die Station Schönefeld mit Einkehrmöglichkeit. Von dort sind es noch einmal knapp 6 km durch Wald und Wiesen bis zum Endbahnhof Jänickendorf. Das ist jetzt sozusagen der sportliche Teil des Ausflugs, weil es natürlich auch bedeutet, diese 9 km wieder zurückzufahren. Trotz nicht ganz so leichtgängiem Fahrrad ist die Distanz gefühlt im Nu geschafft. Es macht einfach viel Spaß auf einer leeren Strecke durch die Natur zu fahren und einen so gut wie unbebauten Rundumblick zu haben.

Nach gut 25,5 km Gesamtstrecke ist dann das Ende in Jänickendorf erreicht. Die Strecke selbst wird durch einen kleinen Holzprellbock beendet, aber die Schienen laufen dahinter noch weiter – bis Jüterbog wären es noch 15 km mehr. Ich hatte gedacht, dass dort ähnlich zu den anderen Halten ein schön restaurierter Bahnhof mit Gaststätte wartet, aber leider steht der nicht ganz so imposante, aber dennoch renovierte Bahnhof leer. Dafür gibt es unweit des Bahnhofs in diesem doch sehr kleinen Ort das Café Schmoo, das von zwei Berliner StadtflüchtStadtflüchtiigen betrieben wird. Hätte ich jetzt an diesem Ort nicht wirklich erwartet.

Auf dem Nebengleis am Bahnhof kann man sein Gefährt parken und noch einen kleinen Spaziergang durch diese Häuseransammlung machen bevor dann noch ein Päuschen mit Café und Kuchen als Stärkung für die Rückfahrt wartet. Je nachdem wie lange man sich vorhin auf der Strecke Zeit gelassen hat, muss man ein wenig auf die Uhr schauen, da um 18 Uhr die späteste Rückgabe in Zossen ansteht. Einfach dauert die Gesamtstrecke gut 2,5 Stunden, d.h. letzte Abfahrt ist mit Puffer 15 Uhr, damit die Rückreise kein Stress wird.

Und irgendwann ist es dann soweit, dass die Zeit ruft, auch wenn wir uns gerade daran gewöhnt hatten ohne Zeitgefühl im gefühlten Nirgendwo unterwegs zu sein. Die Rückfahrt fühlt sich dann entsprechend auch wie ein wenig Abschied nehmen an. Es geht noch einmal vorbei an den verschieden Bahnhöfen und durch den Wald und je weiter wir dem Ziel kommen, desto sicherer werden wir uns, dass uns dieses Erlebnis definitiv in Erinnerung bleiben wird und auf eine Wiederholung wartet. Es gibt entlang dieser 25 km einfach zu viel entdecken und selbst ein Tag fühlt sich viel zu kurz an ….

In diesem Sinne

Eine Seefahrt, die ist lustig. Eine Draisinenfahrt aber umso mehr! Und entspannend obendrein. Auch wenn solch eine Fahrt natürlich nicht vergleichbar mit der Entschleunigung einer Tageswanderung ist, bietet sie unglaublich viel Spaß und auch eine gewisse Einmaligkeit. Wie oft fährt man sonst mit eigenem Gefährt auf stillgelegten Schienen. Unweit von Berlin bietet diese Strecke einen ganz besonderen Charme mit Bademöglichkeiten – sowohl im Wasser als auch im Wald – schönen historischen Bauten und auch einigen Einkehrmöglichkeiten. Trotz der happigen Mietgebühr für die Draisine ist dies also eine super Alternative zu einer ausgedehnten Tages-Waldwanderung und wird garantiert positiv in Erinnerung bleiben.

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