Auf verlassenen Wegen an der alten Oder

Im allerersten Lockdown – das klingt wie aus einem anderen Jahrhundert – hatte ich das Gefühl, ein wenig aus Berlin raus zu müssen und beschlossen, wieder einmal in das riesige Biosphären-Reservat Schorfheide – Chorin zu fahren. Diesmal aber an dessen östliches Ende, zur Wriezener Alten Oder. Ich war schon einmal in der Nähe bei Hohenwutzen an der Oder, wollte aber die Alte Oder einmal ein wenig entlangspazieren. Schließlich wurde die Oder, die heutzutage auf dieser Höhe auch gleichzeitig die Staatsgrenze zu Polen ist, schon in früheren Jahren für die Schifffahrt verändert und so zum Beispiel einige der mäandernden Flussschlaufen durch Durchstiche umgangen. Die Wriezener Alte Oder ist ein Teil des alten Oderflusslaufs bevor dieser Teil durch den Kanal zwischen Hohensaaten und Güstebiese (im heutigen Polen) umgangen und damit die Schiffspassage verkürzt werden konnte. Im nördlichen Teil des Flusslaufs, beim Ort Oderberg schließt das Naturschutzgebiet Niederoderbruch an. Also insgesamt eine sehr schöne Ecke zum Entdecken.


Routenbeschreibung


Die Tour beginnt in Bad Freienwalde und endet in Niederfinow. Beide Orte liegen auf der Bahnstrecke von Eberswalde nach Frankfurt Oder und sind mit einem Schienenbus angebunden. Mit ca. 14 km Distanz ist es eine eher kurze Route, dennoch sollte man 3-4 Stunden dafür einplanen.



Start in Bad Freienwalde


Vom Bahnhof muss man erst ein Stück auf der Landstraße nach Hohenwutzen laufen, kann dann aber nach einigen Hundert Metern auf den Wendtshofer Weg abbiegen, der zur örtlichen Kläranlage führt. Links neben dem Kläranlagen-Gelände geht es dann auf einen kleinen Trampelpfad auf der ehemaligen Bahnstrecke von Bad Freienwalde nach Angermünde bzw. Hohenwutzen weiter. Die Trasse lässt sich noch gut erkennen und keinen Kilometer später steht man auf der alten Eisenbrücke über die Alte Oder und kann dem träge dahinfließenden Fluss nachblicken.

Nach der Brücke spalteten sich die beiden Eisenbahnstrecken auf, aber man kann eigentlich nur auf dem rechten Bahndamm weiterlaufen, weil der andere total zugewachsen ist. Es geht ein kurzes Stück in die falsche Richtung (Osten), bevor man von dem doch deutlich erhöhten Bahndamm in den Wald und dort auf einen Weg nach Westen gelangt. Parallel zur anderen Bahnstrecke (die nach Angemünde führte) geht es auf sandigen Wegen durch den lichten Wald. Bei warmem Wetter riecht man die Ausdünstungen (vor allem das Harzige) der Bäume sehr stark. Für uns Menschen gut, stehen doch die Terpene, die Bäume absondern, im Verdacht unser Immunsystem anzukurbeln. Für die Bäume aber großteils sicher nicht gut, da diese vor allem Harz absondern, wenn sie unter Stress stehen (Wassermangel und gleichzeitige Ungezieferangriffe).

So geht es gemütlich auf dem Weg entlang, man sieht immer wieder alte Bahnanlagen (Signalmasten) und ein altes Bahnwärter-Häuschen. Nur leider sieht man die Oder von hier aus nicht. Deswegen wechsel ich auf Höhe der nun linker Hand auftauchenden Häuser auf die Straße mit dem ungewöhnlichen Namen „Kietz“. Nach einem kurzen Stück in Sichtweite des Flusses biegt die Sandpiste leicht rechts ab und führt zum Ort Bralitz. In dem flachen Land hat man einen weiten Blick über das flache Land und sieht auch den ein oder anderen Storch auf Futtersuche.

Die Häuser haben alle massive Zäune und dahinter stehen einige scharfe Hunde, die als ich vorbeigehe fast ausflippen und einen Riesenlärm veranstalten. Ich fühle mich ziemlich unwillkommen, bin aber froh um die Zäune. In der Ortsmitte steht dann einer dieser für Ostdeutschland recht häufigen größeren Viehhöfe.

Entspannte Ruhe am Flusszusammenfluss


Kurz dahinter führt die Straße linker Hand über die Alte Oder und nach der Flussquerung geht es wieder links auf den Schotterweg entlang des Flusses (entgegen der Fließrichtung). Der Weg endet hinter einem verlassen wirkenden Haus am Zufluss des Freienwalder Landgrabens in die Alte Oder. Hier lege ich eine Pause ein, die Sonne flirrt und es gibt ein regelrechtes Musikkonzert von Vögeln, Insekten und dem Schilf, der sich im leichten Wind hin und her wiegt. Entspannung pur also!

Nach einer ausgedehnten Pause gehe ich langsam weiter auf dem kleinen Forstweg. Hier begegnet mir absolut keine Person und so kan man diese schöne Umgebung ungestört genießen. Der Forstweg führt entlang der alten Oder bis er auf einen größeren Weg trifft der nach Falkenberg (Mark) führt. Da ich aber nach Niederfinow wollte, beschließe ich vom Forstweg rechts in den kleinen Weg einzubiegen, der mich über Felder und Plattenwege nach Niederfinow bringen soll. Wer nicht aufpasst, landet wie ich an einer sehr abenteuerlich wirkenden Brückenkonstruktion über die Alte Finow. Ein Stücken weiter südlich befindet sich aber eine normale Brücke, die auch von Traktoren befahren werden kann.

Traumhafter Abschluss vor Niederfinow


Auf kleinen Trampelwegen geht es zwischen den Feldern Richtung Westen. Ich denke, dass der Boden hier bestimmt fruchtbar ist (bzw. früher sicher war), da durch die Flüsse und Überschwemmungen Nährstoffe immer vorhanden sein müssten. Aber vielleicht täusche ich mich auch. Immer wieder sind kleine Kanäle angelegt, die die Felder entwässern und das Wasser in die Alte Oder leiten. Zum Ende gelangt man auf einem schnurgeraden Plattenweg der auf direktem Wege nach Niederfinow führt. Wer wie ich am Spätnachmittag dort war und gutes Wetter hat, wird mit einem super Blick und der Sonne im Gesicht zum Ende hin noch einmal belohnt. Bis auf das Hupen des Schienenbusses hört man hier keinen Laut, so dass der Abschluss perfekt ist.

Strahlender Sonnenschein auf dem letzten Stück

Angekommen in Niederfinow kann ich jedem, der es noch nicht kennt, empfehlen, das alte Schiffshebewerk zu besuchen. Ich hatte einmal Glück und konnte das älteste noch arbeitende Schiffshebewerk Deutschlands sogar in Aktion erleben. Mit der riesigen Stahlkonstruktion werden Schiffe wie in einem überdimensionierten Aufzug die 36 Höhenmeter vom Ende des Oder-Havel-Kanals hinabgehoben ins Oderberger Gewässer, wo sie dann über den letzten Teil auf der Alten Oder in den Hauptlauf der Oder gelangen. Auf jeden Fall sehr eindrucksvoll. Neben dem alten Schiffshebewerk wird seit einigen Jahren ein Neues errichtet, um das Alte zu ersetzen. Dabei hat das Alte inzwischen auch hohen touristischen Wert, was man nicht zuletzt an den vielen Reisebussen und Einkehrmöglichkeiten in direkter Nähe erkennt. Dagegen wirkt der eigentliche Ort Niederfinow eher leer. Die wenigen Menschen, die man hier trifft sind aber alle sehr freundlich und bei dem kleinen Bahnhof befindet sich sogar eine kleine Brauerei.

In diesem Sinne


Brandenburg mag zwar nicht so landschaftlich herausragende Touristenmagneten wie andere Bundesländer haben. Dafür kann man hier von der Natur zurückeroberte Landschaften entdecken und ist an vielen Stellen ungestört. Meine heutige Tour an der Alten Oder verbindet dies sehr schön, kann man doch an alten Bahntrassen entlang laufen, der Alten Oder folgen und die absolute Ruhe sowie den weiten Blick über die flachen Felder genießen.