Der Herbst kommt

Alle Jahre wieder lässt sich dasselbe Naturspektakel im Wald beobachten: die Blätter schillern in den schönsten Gelb- und Rottönen, nach und nach werden die Wälder lichter und der Waldboden ist voller Blätter und federt bei jedem Schritt zusätzlich. In Nordamerika wird dieses Phänomen unter dem Namen „Indian Summer“ gezielt zu Marketingzwecken genutztund als Besonderheit dargestellt, obwohl das Schauspiel außerhalb der Äquatorialregion in vielen Ländern zu beobachten ist.

Nichtsdestotrotz haben die Werber recht damit, dass es sich lohnt in dieser Jahreszeit durch Wälder zu streifen, auch wenn es vielleicht schon wieder kühler wird. Das Licht ist anders als im Sommer, die Farben der Blätter geben der Kulisse noch einmal eine andere Note und überall riecht es nach Mulch und Pilzen; also die ideale Kombination zum Entspannen. Der ein oder andere bemerkt vielleicht bei sich selbst auchkleine Veränderungen, wenn sich der Körper auf den kommenden Winter vorbereitet (Müdigkeit, evtl. etwas Melancholie…). Dann tut es erst recht gut zu sehen und zu spüren, dass das ein ganz natürlicher Vorgang ist und Flora und Fauna sich ebenfalls verändern. Menschen sind eben auch ein Teil der Fauna, auch wenn das in unserer Gesellschaft gerne ausgeblendet wird.

Passend dazu möchte ich eine (von vielen möglichen) Route im Grunewald als Ausflugstipp empfehlen. Nachdem ich für die nördlicher wohnenden Berliner ja schon über den Tegeler Forst geschrieben habe, jetzt also etwas für die Berliner im Süden. Der Grundwald ist natürlich ganzjährig ein super Spot zum Waldbaden, aber im Herbst hat man, vor allem Nachmittags, das Lichtspiel am Wannsee als schönen Moment zum Verweilen (und vor allem weniger Leute/Motorradfahrer auf der Havelchaussee).

Los gehts am S-Bahnhof Nikolassee, den man gut mit zwei S-Bahn-Linien erreicht.


Über die Autobahn drüber und am Rasthof vorbei geht es in den diagonalen Waldweg, der vom Kronprinzessinnenweg abzweigt. In diesem kleinen Areal zwischen Strandbad Wannsee und Havelchaussee findet man peu a peu in den Wald hinein, auch wenn die Autobahn und die Havelchaussee noch deutlich zu hören sind. Der Schritt wird langsamer, die Atmung tiefer und der Geist kommt langsam in den Leerlauf.

Wir überqueren die Havelchaussee und laufen tiefer in den Wald rein, bis man nur noch ein leises Hintergrundrauschen von der AVUS hört und sonst nur noch das Rascheln der Bäume und Knacken von Ästen. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt anzuhalten undin sich hineinzuhören, den Körper und Geist aktiv zu entspannen.

Den Blick durch den Wald schweifen lassen

An einen Baum angelehnt und das Blätterdach betrachtend, oder auch mit geschlossenen Augen, lenkt man die Aufmerksamkeit auf den Atem und horcht in sich hinein. Ich finde man merkt am Anfang richtig, wie das Hirn Schwierigkeiten mit dem Leerlauf hat, da es im Alltag darauf trainiert ist kontinuierlich neue Reize zu verarbeiten und zu bewerten. So fängt der Kopf an, zumindest bei mir,tausend Gedanken zu produzieren und jedes kleinste Geräusch förmlich aufzusaugen und die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, sobald die äußeren Alltagsreize weniger werden. Nach ein paar Minuten innehalten und willentlicher Fokussierung auf den Atem,werden die Gedanken dann weniger und weniger und man kann die Schönheit der Umgebung und die Gerüche tief auf sich einwirken lassen.

Nach ein paar weiteren Minuten kann man langsam seinen Weg in Richtung Havelberg und Lieper Bucht fortsetzen. Dabei lohnt es sich immer mal wieder stehen zu bleiben und das Treiben um sich herum zu beobachten. Käfer und Ameisen, die irgendwas durch die Gegend tragen, Vögel die aufgeschreckt durch die Gegend fliegen oder Eichhörnchen, die noch schnell irgendwas vergraben müssen. Es soll auch Dachse geben, die allerdings erst nachts aktiv werden (Das Waldmuseum bietet sogar Nachtführungen im Grunewald an, da sieht man dann vielleicht einen Dachs).

Über die Havelchaussee drüber gelangt man zur Lieper Bucht, wo für meinen Geschmack immer etwas zu viel los ist. Also weiter in Richtung Norden, entweder auf dem Havelhöhenweg oder auch direkt am Wasser, beides schön. Durch den ufernahen Schilf sieht man die Havel und je nach Lichteinfall schöne Reflexionen; es lohnt sich also an einer besonders schöne Stelle anzuhalten und das Lichtspiel zu beobachten.

Wer dann erstmal ein Päusschen braucht, kann im nahegelegenen Grunewaldturm einkehren oder oben auf den Turm steigen und die tolle Aussicht genießen. Die Route führt uns dann vom Grunewaldturm wieder über die Havelchaussee (nun schon zum dritten Mal) in den Wald. Hier gibt es einen kleinen Lehrpfad „Wald.Berlin.Klima.“, der über auf mehreren Stationen Wissenswertes zum Thema Wald und Klima, sowie die Bedeutung des Grunewalds für Berlin bereithält. Wir folgen dem Weg ein gutes Stück weit, bis es dann beim Barssee geradeaus abgeht in Richtung Teufelsee.

Jetzt sind wieder mehr Leute unterwegs, deswegen kann man auch andere Wege in dieselbe Richtung gehen. Ich versuche immer einen Mittelweg zu finden und auf kleineren Wegen zu gehen, allerdings nicht zu weit östlich von dem Hauptweg, da sonst die Autobahn wieder zu laut wahrgenommen wird. An der Sandgrube vorbei, oder wer mag auch runter und wieder hoch, kommt man der Stadt wieder näher. Es kommt die Kleingartensiedlung das Waldmuseum und spätestens jetzt hört man die AVUS sehr laut. Mit den letzten Schritten in der farbenfrohen Umgebung bereitet man sich langsam wieder auf das „normale“ Leben vor und kann dann hoffentlich sehr entspannt die Rückfahrt mit der S-Bahn antreten.

In diesem Sinne: Die Natur zeigt uns, was in uns selbst auch vorgeht: Die Vorbereitung auf die kalte Jahreszeit mit weniger Wärme und Licht wird noch einmal in den tollsten Farbkombinationen deutlich. Gerade jetzt lohnt es sich den Wald aufzusuchen und nicht nur die Farben, sondern auch den moosigen, pilzigen Geruch auf sich wirken zu lassen. So kann man die Veränderung, die der eigene Körper ebenfalls durchmacht, besser verarbeiten und Kraft tanken für den kommenden Winter.