Im urigen Donau-Auwald

Machmal verstecken sich schöne Gebiete genau dort, wo man sie am Wenigsten vermutet. So auch hier bei diesem Natur-Kleinod. Mitten im Auto- und Mineralölhotspot rund um Ingolstadt, steht ein kleiner Rest natürlicher Donaulebensraum, ähnlich dem bekannten „Gallischen Dorf“ inmitten des römischen Reichs. Auf meiner Fernwanderung habe ich schon den völlig zugebauten und mit einer Ölraffinerie neben der nächsten gespickten Donauabschnitt bei Neustadt an der Donau östlich von Ingolstadt kennen gelernt und hätte beim Blick auf die Karte nichts anderes westlich davon erwartet. Schließlich ist das Neuburger Stadtgebiet auch von zahlreichen Gewerbegebieten umgeben. Doch nach einem kleinen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung habe ich mir das Naturschutzgebiet zwischen dieser Stadt und Ingolstadt noch einmal genauer ansehen wollen und war sehr positiv überrascht. Aus diesem Grund heute ein Routenvorschlag für Alle, die den letzten „Urwald“ (laut SZ) an der Donau erleben wollen.

Routenüberblick


Wie bei den Meisten meiner Touren erfolgt auch hier die Anreise mit dem Zug, was allein schon ein kleines Abenteuer ist. Vom Ingolstädter Hauptbahnhof (nicht Ingolstadt Nord) fährt am Wochenende alle zwei Stunden eine Regionalbahn in Richtung Ulm, mit der man bis zum Halt Rohrenfeld fährt. Für die knapp 21 km zu Fuß bis Ingolstadt-Nord sollte man mindestens 5 Stunden, besser mehr, einplanen. Natürlich lässt sich die Route auch umgekehrt laufen, dann muss man aber sehr genau planen, wann man in Rohrenfeld angelangt, um nicht 2 Stunden an dem Haltepunkt warten zu müssen. In dieser Richtung muss man zumindest nur die Hinfahrt genauer planen, für die Rückfahrt von Ingolstadt-Nord ist es deutlich einfacher, da alle halbe Stunde Regionalzüge und vom Hauptbahnhof sogar Fernzüge fahren.

Kurzfakten zur Route
StartRegiohalt Rohrenfeld
EndeBahnhof Ingolstadt-Nord
Länge20,84 km
DauerMindestens 5 Stunden

Im Naturschutzgebiet kann auch Fahrrad gefahren werden, aber die hier vorgestellte Route würde ich nicht dafür empfehlen. Abgesehen davon kann man die schöne Natur zu Fuß viel besser auf sich wirken lassen und das Treiben der Tiere im Wald auch besser beobachten.


Bis zum Binnensee


Wirkt in Ingolstadt auch durch den omnipräsenten Autobauer Audi alles noch hip und modern, ist man keine zwei Haltestellen weiter quasi wieder in der Kaiserzeit angekommen. Außer mir stieg niemand auf dem „Bahnsteig“ mit kleinem Stellwerkshäuschen aus. Die Signale und Bahnübergänge werden noch mit Drahtseilen gestellt und scheinbar sind Gäste zumindest zu dieser Tageszeit (Samstag Vormittag) so selten, dass die Stellwerkerin rauskam und fragte, ob ich falsch ausgestiegen sei. Nach einem netten kleinen Plausch folge ich der Straße südlich der Schienen bis zum Bahnübergang und laufe dann auf der anderen Seite neben dem Golfplatz bis in den Ort Rohrenfeld. Hier spürt man die Wirtschaftskraft der Region sehr deutlich: Ein teueres Auto folgt dem nächsten vom und zum Golfplatz.

In dem kleinen Ort geht an dem großen Gut vorbei auf einen Feldweg, der direkt in das Naturschutzgebiet führt. Wer mehr Informationen über die Gegend erhalten will, kann alternativ auch nordwestlich in Richtung des knapp 1 km Jagdschlosses Grünau laufen. Hier sitzt das Informationsbüro zum Auwald und eine Forschungsstelle zu dem Ökosystem. Ich laufe durch den Wald zunächst auf breiten Forststraßen und kleinen Lichtungen. Je weiter ich komme, desto dichter werden die Baumreihen, es brummt und zirpt überall und ungefährt alle 10 Meter hängen Vogelhäuser oder Fledermausboxen und zumindest Erstere werden regelmäßig angeflogen. Auf den Wegen ziehen Weinbergschnecken gemütlich ihre Strecken und Ameisen gehen ihrem geschäftigen Treiben nach.

Nach ca. 1,5 km gelangt man an eine kleine Brücke über einen der Nebenarme der Donau, der sich gemächlich durch die Landschaft schlängelt. Und kurze Zeit später bietet ein kleiner Pfad abseits vom Hauptweg dann auch einen schönen Blick auf einen Binnensee zwischen Auwald und Donau. Die Gänse auf der kleinen Insel im See fühlen sich scheinbar durch meine Anwesenheit gestört und fangen laut und aufgeregt an, zu schnattern.

Zum alten Donaulauf


Ich lasse die Gänse hinter mir und folge dem Hauptweg (der kleine Trampelpfad direkt an der Donau ist leider gesperrt) bis ich zu einer größeren Brücke gelange. Hier halte ich mich rechter Hand und biege auf einen kleineren und ruhigeren Weg am Lauf der der alten Donau ein. Dieser Weg ist zwar ein Umweg, beschreibt er doch ein liegendes U, aber dafür fühlt man sich hier auch noch stärker in der Natur. Über zwei kleinere Brücken geht es über den alten Flußlauf und dann nach inzwischen 7 km Gesamtstrecke beschließe ich eine kleine Pause auf einer Lichtung einzulegen. Während ich so dasitze und den im Wind wiegenden Bäume lausche, fliegen Hummeln, Libellen, Käfer und Schmetterlinge an mir vorbei und begutachten mich – den Eindringling. Zumindest habe ich den Eindruck und das tiefe Brummen um mich herum verstärkt das noch einmal. Dennoch fühle ich mich sehr wohl und entspanne merklich.

Nach der ausgedehnten Pause wandere ich weiter auf dem Weg, als einziger Mensch. Rechts von mir befindet sich der Fluß und einige von Bibern geschaffene Baumkunstwerke. Ein Stückchen weiter verbreitert sich der Flußlauf zu einem weiteren See. In kleinen Ausgucken kann man zwischen dem Schilf den Enten und Wasserläufern auf dem Wasser zugucken, untermalt vom Gequake einiger Frösche. Auch hier hört und sieht man keine Menschenseele und fühlt sich in einer intakten Naturumgebung – obwohl nur wenige hundert Meter die komplett zugebaute Donau entlang läuft.

Der Weg führt entlang der Aussackung des alten Flussarmes wieder zum vor knapp 3 km vorher verlassenen Hauptweg und auf diesem erneut über eine Brücke. Kurz dahinter halte ich mich links und folgde dem Wasserlauf nun auf der anderen Seite bis zur Einmündung in die Donau. Ein einsamer Ruderer zieht seine Bahn auf dem Fluss, dafür sind aber auf diesem Weg deutlich mehr Personen und sogar Reiter unterwegs. Auf dem begrünten Weg geht es ca. 2 km schnurgerade neben dem begradigten Wasserlauf bis nach einem kleinen Weghaken rechts der Schutzdeich erreicht ist. Hier ist nun wirklich Hochbetrieb: Jogger, Fahrradfahrer und Spaziergänger sind auf dem Damm unterwegs und außerdem wirkt alles gemacht. Ich beschließe daher nach einem weiteren Kilometer noch einmal einen Umweg einzubauen, um weg vom Damm tiefer im Naturgebiet laufen zu können.

Neben der kleinen Aich bis zur Staumauer


Rechts biege ich also auf den deutlich kleineren Weg, der mich neben dem schmalen Flüsschen „Aich“ wieder weg von dem Trubel bringt. Und tatsächlich lohnt es sich, hier ist kein Mensch unterwegs dafür wieder umso mehr Tiere. Über eine kleine Brücke kreuze ich den Wasserlauf und folge dann einem kleinen Trampelpfad in den urigen Wald hinein. Das Gras wird höher und der Lichteinfall weniger, also beschließe ich hier in diesem urigen Waldteil noch einmal eine kleine Pause einzulegen, bevor der Rückweg am Damm entlang ansteht. In der Nähe der Brücke zurück über die Aich genieße ich noch einmal das schöne Ambiente und stelle mir vor, wie sich die Menschen im Mittelalter in dieser damals noch größeren Waldfläche wohl gefühlt haben mögen.

Rückweg über die Aich

Auf der anderen Seite der Aich geht es wieder auf den Damm und in den Trubel. Je näher ich der Stadt komme, desto voller wird es. Der Donaulauf verbreitert sich in seinem Betontrog kontinuierlich, um eine Art kleinen Stausee vor dem Wasserkraftwerk Ingolstadt zu bilden. Rechter Hand passiert man eine Tennisanlage gefolgt von einem Betonwerk, bevor es auf der Staumauer auf die andere Seite geht. Hier ist nichts mehr von der gerade einmal 2 km entfernten Naturschönheit zu sehen. Betongraue Industrielandschaft prägt den Blick, der Fluss wirkt dreckig und die Ufermauern laden auch nicht gerade zum Verweilen ein.

Neben der kleinen Aich bis zur Staumauer


Auf der anderen Donauseite folge ich dem asphaltierten Fahrradweg durch ein kleines Waldstückchen bis ich westlich der Ingolstädter Altstadt angelange. Die große Straße, auf der – welch Überraschung – vorwiegend Autos einer stadtprägenden Marke unterwegs sind, wird mittels Brücke gequert und dann ist auch schon die Stadtmauer erreicht. Durch ein kleines Tor kommt man in die Altstadt, die sehr schön erhalten ist. Auf den zahlreichen Plätzen und der Hauptstraße ist viel los, aber es gibt auch kleinere Parallelgassen/-straßen, in denen man sich ein wenig „verlieren“ kann. Zum Abschluss gönne ich mir noch ein kleines Eis und schlendere quer durch die Altstadt in Richtung Nordosten. Wieder außerhalb der Stadtmauer folge ich der Rechbergstraße zum Bahnhof Ingolstadt-Nord. Dort steht ein riesiger Klotz, der nicht so wirklich hineinpasst. Einerseits eine schöne Altstadt und die schöne Naturlandschaft in der ich unterwegs war. Andererseits außerhalb davon alles voll mit Autos und Beton. Diese starken Kontraste sind mir derart noch nirgendwo aufgefallen und mit dem Gedanken, warum das Neue so gestaltet wurde, wie es nun steht, steige ich in den Zug und fahre zurück.

In diesem Sinne: In der bayerischen Industrieregion Ingolstadt und Umgebung gibt es wider Erwarten ein Naturerbe, dessen Besuch ich jedem nur ans Herzen legen kann. Zwei Zug-Haltestellen hinter der Autostadt warten alte Bäume, unzählige Tiere und verschlungene Donau-Seitenarme darauf erkundet zu werden. Man sollte auf jeden Fall genug Zeit mitnehmen um in die Naturkulisse eintauchen zu können und die Ruhe genießen zu können. Ich werde auf jeden Fall auch noch einmal dorthin fahren, denn alles schafft man an einem Tag nicht.