Ein Bach, zwei Namen – Der Hachinger Bach wird zum Hüllgraben

Vor nicht einmal einem Jahr hatte ich den einzigen Münchner Bach rechts der Isar erkundet – den Hachinger Bach. Start der Tour war die Versickerungsstelle beim Michaelibad von wo es dann bachaufwärst bis zur Quelle in Deisenhofen ging. Doch was passiert eigentlich hinter der Versickerungsstelle? Das habe ich mich gefragt und bei näherem Blick auf die Karte festgestellt, dass der Bach gut 3 km Luftlinie hinter diesem Punkt wieder ans Tagelicht tritt und dann als Hüllgraben durch das ehemalige Johanneskirchener Moorgebiet („Moos“) führt. Das musste ich mir unbedingt anschauen und so folgt heute ein gemütlicher Spaziergang an der deutlich kürzeren Fortsetzung des Hachinger Bachs.

Inhalt

Während im Bereich der Versickerungsstelle am Michaelibad eine teilweise Wieder-Freilegung des in Rohren verlaufenden Hachinger Bachs geplant ist, wird am anderen Ende im Zuge des Bahnneubaus der Truderinger-&Daglfinger Kurve ein Bachteil verschwinden. Also lohnt es doppelt sich dieses Stück samt Wiesenfläche jetzt noch anzuschauen 🙂 Damit noch ein wenig Abwechslung dabei ist und wir auch gut mit der S-Bahn an- und abreisen können, gibt es auf diesem Ausflug auch noch ein wenig Bahnnostalgie durch einen Schlenkerer an die ehemalige „Feldkirchener Tangente“.

Routenüberblick

Startpunkt ist heute der S-Bahnhof Johanneskirchen, der sowohl mit der S-Bahn, als auch mit Bussen gut zu erreichen ist. Von dort laufen wir in nordöstlicher Richtung durch den Ort, bis wir auf die Überreste der Feldkirchener Tangente stoßen. Dieser folgen wir in südöstlicher Richtung, um dann bis zum Hüllgraben zu gelangen, an dem wir bis kurz vor dem Austritt aus den Rohren bei Berg am Laim entlang spazieren. Unter den verschachtelten Gleisanlagen der verschiedenen Bahnstrecken hindurch gelangen wir dann schlussendlich auf die Truderinger Straße, die uns bis zum S-Bahnhalt Berg am Laim bringt.

Hüllgraben (Download Route)

Routen-EndpunkteJohanneskirchen
Berg am Laim
Routen ÖPNV-AnschlussS-Bahn/Bus
Routenlänge10,05 km
Routendauer2,5 - 3 Stunden

Auf der Karte fällt der Hüllgraben fast nicht auf, außer man schaut genauer hin:

Auf den Spuren alter Bahngleise bei Johanneskirchen bis zum Bieberparadies am Hüllgraben

Vom S-Bahnhof kommend folgen wir der Johanneskirchener Straße in östlicher RIchtung durch den verschlafenen Vorort Münchens. An der Kirche und Wegaufgabelung halten wir uns linker Hand auf der Gleißenbachstraße, die uns directement bis zur ehemaligen Feldkirchener Tangente führt. Feldkirchener Tangente ist der Name für die ehemalige Tangentialverbindung der Bahntrassen von Mühldorf/Burghausen zum Münchner Nordring. Obwohl seit über 70 Jahren nicht mehr in Betrieb existieren der Bahndamm und die Brückenbauwerke immer noch, was anbetrachts des Münchner Stadtwachtstums schon erstaunlich ist. Nun hat man wohl doch festgestellt, dass Tangentialverbindungen nicht so schlecht sind und versucht beide Strecken wieder direkt miteinander zu verbinden. Diesmal durch die „Dagflinger“ Kurve bei Berg am Laim, dort wo aktuell der Hachinger Bach wieder zum Vorschein kommt. Die Planungen laufen, sodass es im heutigen Planungs- und Bautempo vielleicht in 20 Jahren soweit ist 🙂

Wir entscheiden uns den Bahndamm hinauf zu laufen und oben auf dem kleinen Trampelpfad gen Osten zu stapfen. Wem das Geröll aus Schotter und Baumstümpfen zu holprig ist, der kann parallel zum Bahndamm auf dem Feldweg unten laufen. Hinter der nächsten Bahnüberführung lichtet sich das Gestrüpp und wir haben einen fast unverstellten Blick auf den Bahndamm und die Umgebung:

Auf dem Bahndamm der ehemaligen Feldkirchener Gleis-Tangente
Der Bahndamm der Feldkirchener Tangente ist knapp 70 Jahre nach Betriebsaufgabe noch relativ gut erhalten

Nach gut 3 km hinter unserem Startpunkt erreichen wir den Hüllgraben. Hier können wir linker Hand zum sog. Abfanggraben und diesem folgend bis zum großen Isarstausee bei Ismaning gelangen. Wir entscheiden uns für die andere Richtung und steigen hinab auf ein kleines Pfädlein direkt neben dem Wasserlauf. Bei gutem Wetter hat man hier sogar eine Aussicht bis auf die Alpen.

Hüllgraben kurz nach der Unterquerung der Feldafinger Tangente
Kurz hinter dem Bahndamm geht es direkt amr Hüllgraben durch die Landschaft

Mit ein wenig Vorstellungskraft kann man sich die Felder wegdenken und befindet sich auf einem ehemaligem Moorgebiet, das bis nach Erding reichte. Der dortige Teil wurde Ende der 80er mit dem Flughafen zubetoniert; da sind Felder eindeutig besser, auch wenn aus Klimaschutzgründen am Besten gar keine Bewirtschaftung und vor allem Entwässerung in Moorflächen stattfinden sollte.

Hüllgraben bei Englschalking führt durchs frühere Moorgebiet
Moor gibt es hier keines mehr, dafür den Hüllgraben der sich durch die Felder zieht

Der Entwässerungsgraben und Fortsatz des Hachinger Bach zieht sich gemächlich durch die Landschaft, ab und zu durch ein kleines Brückchen der Dorfstraßen unterbrochen. So geht es gemütlich auf weiteren 2 km gen Süden und das trotz Wochenende relativ menschenleer. Auf Höhe der Galopprennbahn wird es wieder etwas waldiger und wir gelangen unverhofft in ein wahres Bieberparadies.

Durch das Bieberparadies und kleine Biotop zum Verkehrsknoten bei Berg am Laim

Zwischen dem Baustoffhof und dem Bachlauf tut sich plötzlich ein kleiner Pfad auf, Warnschilder weisen auf die Aktivität des großen Nagers hin und – wie auch schon bei der Amper – warnen den Besucher, dass der Freistaat Bayern keine Haftung übernimmt, wenn einem ein Baum auf den Kopf fällt. Fast schon wie in den USA wo überall Haftungsausschlüsse kund getan werden.

Außer, dass der Weg nun schmaler ist und durch das Gestrüpp veläuft, merkt man aber zunächst nichts von einem tierischen Bewohner, bis dann plötzlich dieser Prachtbau von Bieberburg auftaucht:

Bieberbau am Hüllgraben kurz vor der Galopprennbahn in Riem
Hier fühlt sich Bieber sichtlich wohl

In mühseliger Arbeit hat diese Bieberfamilie Bäume und Äste nach einem uns Menschen nicht direkt nachvollziehbaren Plan aufgetürmt und den ohnehin schon schmalen Bach weiter verengt und aufgestaut. Scheint ein Wohlfühlort zu sein, ein Bieberparadies sozusagen 😉

Nur einige Augenblicke später treten wir auch schon aus dem kleinen und laut Schildern äußerst gefährlichen „Natur“abschnitt hinaus auf eine größere Grünfläche. Dieses kleine Biotop zwischen einer Kleingartenkolonie und der Pferderennbahn lädt noch einmal zum längeren Verweilen ein: Der Bach bekam hier eine kleine Schwemmfläche und kann ein wenig mäandern, am Ufer liegen ein paar Baumstämme als Sitzbänke und ruhig ist es auch noch:

Kleines Biotop am Hüllgraben hinter der Riemer Galopprennbahn
Auf Höhe der Riemer Galopprennbahn lädt das kleines Biotop am Hüllgraben zum Rasten und Genießen ein

Nach einer längeren kontemplativen Pause heißt es weiterzugehen, vor allem in den Wintermonaten, wenn es mit sinkendem Sonnenstand schnell abkühlt. Um dem Bach so lange wie möglich zu folgen, entscheide ich mich gegen den S-Bahnhalt in Riem als Endpunkt, sondern laufe hinter dem Biotop durch das Wohngebiet an der Kirchheimerstraße. Am Bach selbst kann man hier leider nicht gehen, dieser Teil bleibt den Hausbesitzern vorbehalten. Wir Spaziergänger dürfen dann erst hinter der Häuserreihe wieder an den Wasserlauf.

Das Vergnügen ist allerdings nur von kurzer Dauer, nach wenigen Dutzend Metern ist die Autobahnauffahrt erreicht, der Bach verschwindet in einem Rohr und kommt erst nach 500 Metern auf der anderen Seite der Autobahn wieder zum Vorschein. Laut und stinkig ist es hier zudem. Hinter der Autobahn endet das Bachvergnügen allerdings auch schnell wieder und nach nicht einmal weiteren 500 Metern verschwindet der Bach wieder in einem Rohr. Diesmal allerdings für einige Kilometer bis zum Eintrittsportal des Hachinger Bachs am Michaelibad.

Wir sind dafür nun mitten im Gewirr zwischen den verschiedenen Bahnstrecken gelandet, direkt vor uns die bisher noch eingleisige Truderinger Kurve. In Zukunft soll diese zweigleisig werden und dazu noch der neue Abzweig von Daglfing nach Riem entstehen. Die Wiese auf der wir uns gerade befinden wird also in absehbarer Zeit nicht mehr groß existieren.

Wirtschaftweg neben dem (noch) eingleisigen Abschnitt der Truderinger Kurve
Neben den Gleisen der Truderinger Kurve geht es nach Süden

Wir queren die Bahngleiese und landen auf dem Versorgungsweg – der aussieht wie eine zweite stillgelegte Gleisachse. Hier können wir die Strecke nach Riem unterqueren und bis zur Thomas-Hauser-Straße laufen. Autofahrer verbinden diese an und für sich unbekannte Straße vielleicht mit einer negativen Erfahrung: Hier befindet sich die zentrale Stelle der Polizei Münchens, zu der alle abgeschleppten Fahrzeuge gebracht werden. Schlechter ohne Auto zu erreichen geht es fast nicht 🙂

Wir biegen rechter Hand auf die Straße ein und folgen dieser unter der nächsten Bahntrasse – diesmal jene nach Rosenheim – hindurch bis zur Truderinger Straße. Für alle, die sich ihre Erholung möglichst lange erhalten möchten, bietet es sich hier an, in den Bus bis nach Berg am Laim zu steigen. Alternativ können die 1,5 km bis zur eigentlichen Zielhaltestelle Berg am Laim natürlich auch gelaufen werden, was leider wegen der viel befahrenen Straße nicht ganz so entspannt ist.

In diesem Sinne

Dachte ich vor einigen Monaten noch, dass der Hachinger Bach beim Michaelibad ab- und direkt in die Isar geleitet wird, wurde ich beim genaueren Blick auf die Karte eines Besseren belehrt. Er fließt zwar schlussendlich in die Isar, allerdings nicht bevor er noch einmal als Hüllgraben eine „Wiederauferstehung“ im ehemaligen Johanneskirchener Moor feiert. Der Besuch an diesem kurzen aber nicht minder schönen Abschnitt lohnt unbedingt, ein bisschen Historie ist mit der stillgelegten Bahntrasse der Feldkirchener Tangente auch noch dabei. Gerade die unkomplizierte Anreise mit der S-Bahn und die wenigen anderen Erholungssuchenden prädestinieren diesen Teil des Baches als kurzen Ausflugsspazierung auch an kurzen Wintertagen. Den Kopf bekommt man auf jeden Fall frei und körperliche Erholung ist auch dabei.

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